Dario Argentos "Suspiria" (Italien 1976) - atmosphärischer Horror

Cover von Suspiria - A-Film Home Entertainment
Cover von Suspiria - A-Film Home Entertainment
In nur wenigen Filmen wird mehr Wert auf die Atmosphäre als aufs Drehbuch gelegt. Dass Atmosphäre aber auch als Magnet funktionieren kann, zeigt "Suspiria"

Wann ist man schon mal von der ersten Sekunde eines Filmes an von diesem gefangen? Bei näherer Betrachtung eine gute Frage. Sicherlich kommen einem zunächst filmische Großtaten wie "The Godfather" (dt.: "Der Pate 1-3", Francis Ford Coppola, USA 1972-1990), "Once Upon A Time In The West" (dt.: "Spiel mir das Lied vom Tod", Siergo Leone, Italien 1968) oder "Apocalypse Now" (Francis Ford Coppola, USA 1979) in den Sinn. Doch an dieser Stelle soll ein anderer Film gewürdigt werden: "Suspiria".

"Suspiria" (1977) vom italienischen Regisseur Dario Argento

"Suspiria" ist so ein Film, der einen fesselt. Nicht vergessen – an dieser Stelle geht es einzig und allein um die Atmosphäre. Insofern ist es ganz und gar nicht seltsam, wenn in den ersten Minuten des Films Suzy Banyon (großartig gespielt von Jessica Harper) am Münchener Flughafen ankommt und in die Tanzakademie in der Escherstraße in Freiburg will – und mit dem Taxi mal eben rüberfährt. Also: München – Freiburg (tatsächlich etwa gut 400 Kilometer) in gefühlten drei Minuten durch den Wald. Egal, denn darum geht es im ersten Teil der "Three Mothers"-Trilogie natürlich nicht – und Logik ist des Films Intention sicher auch nicht! Dafür aber Bilder, Bilder und nochmals Bilder! Und deswegen ist er auch so großartig!

"Suspiria" – wenn ein Film den Zuschauer mit Bildern fast erschlägt...

Der Film "Susperia" erschlägt den Zuschauer schier mit Bildern. Vom Anfang am Münchener Flughafen an – als die sich schließenden Schiebetüren einen beinahe körperlich fühlbaren Schnitt beim Zuseher verursachen. Auch der Weg nach Freiburg, unterlegt mit dem unglaublichen Sound der italienischen Band Goblin, als man schon merkt, dass hier sprichwörtlich etwas im Busch ist. Dann, das blutrote Tanzschulgebäude, die Großaufnahme von Olgas Fingernägeln, die erste Mordszene in diesem völlig verrückten Gebäude. Suzy, wie sie im Tanzsaal zusammenbricht und ihr Blut aus Nase und Mund läuft. Die Großaufnahmen des Flurs, großartige Aufnahmen… Nicht zu vergessen die Maden, die durch die morsche Decke auf die darunterliegende Etage aus einer vergessenen Vorratskiste hinabregnen.

Man merkt in jeder Szene, dass Argento in "Susperia" auf altes Kodak-Filmmaterial vertraut hat, das er in Restbeständen aufgekauft hat. Denn die Farben, die man in den gut 90 Minuten zu sehen bekommt, sind mit dem heutigen Standard ganz einfach nicht mehr vergleichbar. Dieser Film lebt wirklich nur in der allerhöchstens dritten Instanz vom Inhalt des Drehbuchs! Und ganz ehrlich: das ist auch gut so!

Was die Kritik zu dieser Bilderorgie sagt

Das Lexikon des Internationalen Films schrieb einst: "Dümmliche Mischung aus Horror und Okkultismus, die auf grobe Effekte setzt und die Atmosphäre völlig vernachlässigt." Und auch wenn diese Instanz ansonsten durchaus wertvoll und objektiv in seinem Urteil ist, stimmt hier einfach weder die Aussage noch das Prinzip der Reduzierung des künstlerischen Objekts auf sein Drehbuch. Vielmehr ist es doch eine Tatsache, dass Argento ein Künstler war (ja, war, da seine späteren und vor allem heutigen Werke die rohe Unschuld von vor ALLEN DINGEN "Suspiria" einfach vermissen lassen!), der mehr auf den Stil achtete und dafür dem Drehbuch und der Logik der Abfolge Schwächen zugestand. Sicher – ein Genie, der beides vereinen könnte! Aber solche sind halt leider nur selten zu finden!

"Suspiria": Wenn die Story unwichtig wird, hat man es wohl mit einem Kunstwerk zu tun

An dieser Stelle soll gar nicht weiter auf die Story von "Susperia" eingegangen werden: Erstens, weil sie insgesamt halt doch nicht so ganz wesentlich ist, und zweitens, weil damit der Spaß am Film trotzdem gemindert würde. Also nur als kleiner Widerspruch zur Kritik im Lexikon des Internationalen Films: "Suspiria" HAT grobe Effekte, keine Frage – aber: auch eben jede Menge Atmosphäre dabei! Und ob die Mischung nun dümmlich ist, das mag letzten Endes Geschmackssache des jeweiligen Zusehers sein – aber wie bereits ausgeführt, geht es in diesem Film auch nicht um ein in sich schlüssiges, großartiges, Oscar-verdächtiges Drehbuch. Wenn man das erwartet oder will, dann muss man sich an den bereits erwähnten Paten I-III wenden.

Wenn man aber von einer ganzen Tonne Bildgewalt und Atmosphäre praktisch erschlagen werden will, dann kann man sich getrost an "Suspiria" (allerdings bitte in der ungeschnittenen holländischen DVD-Version!) halten und wird mit Sicherheit nicht enttäuscht werden. Ach: der Soundtrack von der italienischen Band Goblin ist übrigens nicht wirklich von dieser Welt.

Wolfgang Weitzdörfer, Fotostudio Sabine Winkler

Wolfgang Weitzdörfer - Werdegang Abitur 1996Ausbildung zum Heilerziehungspfleger 1998-2001Berufstätigkeit 2001-20082008 - 2011: Studium BA ...

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